Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Hans-Otto-Theater
Hans-Otto-Theater Hans-Otto-Theater16.05.2008 ab 19:30 Uhr
Mit Juschka Spitzer (Martha), Mirko Zschocke (George), Anna Hopperdietz (Süße), Bernd Färber (Nick)
Regie: Sewan Latchinian
Bühne und Kostüme: Tobias Wartenberg
Dramaturgie: Gisela Kahl Der amerikanische Autor Edward Albee schrieb 1962 ein Stück über eine komische Eheschlacht, das zum Klassiker des modernen Theaters wurde. Die Geschichte spielt in einer kleinen Universitätsstadt. Nach einer Professorenparty kommt der junge Biologe Nick mit seiner Frau, genannt Süße, noch zu einem Drink in das Haus des Historikers George. George ist mit Martha, der Tochter des Collegedirektors verheiratet. Seit Jahren spielen sie ein verwegenes Spiel miteinander: sie spielen Eltern eines nichtexistierenden Sohnes. Von ihm darf in Gegenwart anderer nicht gesprochen werden. An diesem Abend bricht Martha ein Tabu: sie weiht die Gäste in das „Leben ihres Sohnes“ ein. Es beginnt ein grausam-süßes Liebesspiel gegenseitiger Demütigungen und Erniedrigungen, in dem die Gäste, ob sie wollen oder nicht, von Martha und George raffiniert als Spielbälle benutzt werden. Das Stück spielt in einer Nacht, die es in sich hat: Es ist eine Walpurgisnacht der Seelen, die einander quälen und liebkosen, foltern und begnadigen. „Er ist der einzige Mann, den ich je geliebt habe“, sagt Martha, nachdem sie George in der Küche mit dem Gast des Hauses betrogen hat. „Er versteht mich über alles Verstehen hinaus.“ Da beschließt George, den gemeinsamen Sohn sterben zu lassen...Pressestimmen"Sewan Latchinian hat sich in seiner Inszenierung an der Neuen Bühne konsequent daran gehalten, das Vierpersonenstück als Kammerspiel zu geben. Im Gegensatz zu anderen legt er über die irritierenden Geschehnisse kein gar zu erdrückendes Netz zerstörerischer Energie und Intensität, die es dem Publikum unmöglich macht, sich auch nur irgendwie den Bedrohlichkeiten zu entziehen. In seiner Lesart ist die Konfrontation auf engstem Raum, umringt von Zuschauern, durchaus noch auszuhalten, und man wird auch nicht gleich zu Tode erschreckt ob der verfeinert-bösen Art des Wortgemetzels, achtet dafür um so mehr auf Nuancen des Spiels, auf Veränderungen, Reaktionen. Das ist wohl überhaupt die Art von Latchinian; er beobachtet genau, erzählt Geschichten mit menschlicher Wärme, will nicht wie ein Unbeteiligter zerstören und sezieren. … das stete Duell von Martha (Juschka Spitzer) und George (Mirko Zschocke)… bleibt auch als Spiel im Spiel immer existenziell. … deutlich ist jeder aus dem Quartett gleich gewichtet – die Konfrontationen gehen kreuz wie quer, keiner hat einen Nebenpart. Das ist gut für die Aufführung, bringt auch in die Abläufe reichlich Bewegung… Am Ende verlassen Honey (Anna Hopperdietz) und Nick (Bernd Färber) fluchtartig die verwandelte Szenerie. Nick, der sich als Springer „degradiert“ und benutzt fühlt, weniger erreichte, als er sich vielleicht erhoffte, sowie sein flatterndes, von ihm gnadenlos unterschätztes, reiches Vögelchen, das mit verletzten Flügeln, verlorenen Illusionen die Schmach zu verdrängen sucht. Und so ist der Lichtstreif am gemalten, die Szene umringenden Horizont (Gerhart Lampa) im reduzierten Bühnenbild von Tobias Wartenberg für die einen wie die anderen ein Hoffnungsschimmer. Für den allerdings jeder selbst zu sorgen hat." Lausitzer Rundschau "Nach der Pause, gleich zu Beginn des dritten Aktes von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ in Senftenberg, steht Martha (überzeugend: Juschka Spitzer) mit gelöstem Haar allein auf der Bühne. Martha wirkt müde. Sie sagt etwas von eingefrorenen Tränen, die man in diesem Haus in die Drinks zu tun pflegt. Mehr ein Murmeln ist das als ein Sprechen. Doch aus diesem Ton, einem Innehalten aus Erschöpfung spürt man an ihr erstmals so etwas wie Empfindsamkeit. Bis jetzt nämlich war diese Frau, die erst im knallroten Hosenanzug, dann im kleinen Schwarzen, kokett, ja geradezu fordernd ihr Becken ausstellt, nur von Verachtung und Ekel getrieben. Wenn Blicke wirklich töten könnten, käme kein Richter umhin, sie des Mordes für schuldig zu befinden. Doch Marthas Opfer George, der Mann, mit dem sie seit 23 langen Jahren verheiratet ist (mit jeder Menge Bitterkeit: Mirko Zschocke), käme kaum besser davon. An beiden Längsseiten des engen, schwarzen Raumes stehen jeweils zwei Stuhlreihen. Kaum 80 Leute finden hier bedrückend nah am Spiel Platz. Jeder Blick, jede Geste, jeder Atemzug und selbst Marthas müder Ton treffen da. Und so möchte man, ganz wie der ahnungslos ins Haus geschneite, erst nur so daher plaudernde Nick (stets genau: Bernd Färber), mehr als einmal stammeln: „Sie müssen das nicht erzählen…“ Martha und George aber können nicht anders. Wieder einmal wird Martha George vor Gästen „eine Null“ nennen, einen Versager. Doch der spielt längst sein eigenes böses Spiel. Wehe dem, der arglos in diese Hölle tritt. Wie Nick und dessen Frau (Anna Hopperdietz). Ein beklemmender Abend." Märkische Allgemeine Zeitung"Die von Latchinian gewollte räumliche Nähe des Zuschauers hebt Distanzen zum Geschehen nicht wirklich auf. In die Rolle des Voyeurs versetzt, steigern sich Neugier und Betroffenheit im Publikum. Im spannenden Verlauf schonungsloser Analysen menschlichen Versagens öffnen sich differenzierte Charaktere. Die Nähe zu ihnen steigert Sympathien und Abneigung, doch auch kritische Sichten. Der Zuschauer erlebt den Aufschrei verzweifelter Seelen in einer packenden Inszenierung, die dem American Way of Life Edward Albees feinfühlig nachspürt und mit anhaltendem Beifall aufgenommen wird." Sächsische Zeitung