Karpatenhund
Waschhaus Potsdam
Waschhaus Potsdam Waschhaus Potsdam08.04.2010 ab 21:00 Uhr
Man kann Der Name dieser Band ist Karpatenhund auch das Graue Album nennen. Weil es gummitwistend hin und her springt, zwischen dem weißen Rauschen und dem bösen schwarzen Ungewissen, zwischen gleißend heller Hoffnung und tiefdunkler Verstörung. Mit Liedern, die beim ersten Kuss schon ans Schlussmachen denken und sich beim Emporsegeln für den Absturz rüsten. Weil man nie so genau weiß, ob gerade etwas anfängt oder aufhört. Mit Unentschlossenheit hat das nichts zu tun; hier wird nicht überlegt, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist, weil komplett klar ist: Es ist völlig leer, dämliche Frage. Karpatenhund schauen durch das Melancholiemikroskop und stupsen das verschwommene Untersuchungsobjekt mit der Pop-Pipette an. Sie singen vom großen Verschwinden, wenn man sich selbst schier aufzulösen scheint vor lauter Fadheit. Wenn das Herz so leer ist wie die Straßen einer Kleinstadt, nachts um halb drei. Vom Graugefühl in allen Facetten, von schiefer über rauchgrau bis ameisenbärenfarben. Das könnte einige Menschen wundern, die Karpatenhund bisher als bubblegumbunte Band gesehen haben. Dabei pieksten auch auf dem Debütalbum sofort die feinen Widerhaken, die sorgfältig in die Lieder eingearbeitet sind: Ein kleines Obwohl war bei Karpatenhund schon immer dabei, versteckt zwischen den Bedeutungsschichten. Der Name dieser Band ist Karpatenhund ist ein Pop-Poesiealbum mit Eselsohren, unter denen sich Zitate, bissige Hasen und rasend schöne Schrecklichkeiten verbergen. Die man auffalten oder umgeknickt lassen kann, wie man lustig ist. Ob man das Leonard- Cohen-Zitat, den Smiths-Anklang oder das angepluckerte „Fade to grey“-Toktoktok überblättert oder nicht ist egal, denn die Lieder von Karpatenhund funktionieren wie die herrliche Serie „Buffy the Vampire Slayer“: Wer die Eierkopf-Anspielungen auf David Lynch, Jean Baudrillard und die Bergpredigt dort nicht erkennt, freut sich eben an den süßen Girls und bösen Monstern.
Und Monster und Dämonen gibt es genug auf diesem Album, und sie sind so groß, wie man sie zuletzt als Teenager sah, als alle Gefühle gleich die ganze Welt bedeuteten. All das Bittere, Schlechte und Schlimme haben Karpatenhund diesmal besser ausgeleuchtet als auf ihrem Debüt, als man die Biester leicht übersehen konnte, weil sie sich mit Glitzerhütchen tarnten. Jetzt stehen sie da unübersehbar und fletschen die Zähne, und Karpatenhund denken gar nicht daran, all die schlimmen Dinge irgendwie zu relativieren oder, das Allerschlimmste, den Hörer dazu aufzurufen, sich zusammenzureißen und dem Unbill entgegen zu feixen. Man darf sich der Zustände schämen, ohne sie kraftmeierisch verändern zu müssen. Man darf im Kämmerchen sitzen und muss nicht raus in die Sonne, Volleyball spielen. Dabei nährt sich der Schmerz bei Karpatenhund nicht aus den üblichen Verdächtigen Liebeskummer oder Selbstmitleid: Die Verzweiflung und das Elend sind viel grundsätzlicher. „Denn mein Herz ist kein Organ, es ist ein Stück Granit / Ich bin dein Mädchen aus Beton, hart wie Bakelit“, heißt es in einem Stück auf der voran gegangenen EP „Mondo Cane“. Wer von diesem Mädchen aus Beton träumt, dem wird nicht schwarz vor Augen, sondern: genau. Stoisch wie die Texte ist auch die Musik, manchmal fast ausgemergelt, kühl und knapp. Man kann an The Cure, Devo und natürlich die Talking Heads denken. So viel sachliches Leiden, so viel bei aller Tristesse doch immer auch beschwingter Weltekel braucht Mut – schließlich leben wir in einer postpathetischen Zeit, in der für das große Brausen kein Platz mehr ist, weil man ständig darüber nachdenken muss, wie man den Zahnersatz finanzieren soll. Dass „Der Name dieser Band ist Karpatenhund“ bei aller stompenden Sinnlosigkeit ein ungemein tröstliches und eigenartig beseelendes Album ist, liegt daran, dass es die edelste Aufgabe der Kunst – und der Popkunst sowieso - erfüllt: Der Angst den Schrecken nehmen, in dem sie zu etwas Ästhetischem umdekoriert wird. Der Name der Band, die sich das traut, ist Karpatenhund.
